Sonntag, 31. Juli 2011

Leseprobe - Der Dämon

Hier kommt nun meine lange versprochene Leseprobe. Gewisserweise ist es eine doppelte Premiere, denn genau diese Kurzgeschichte war der erste Text den ich anderen Autoren vorgelesen habe. Und das ist ... noch gar nicht so lange her. Ein gutes Monat, so ungefähr. Nun, hier kommt:

Der Dämon

Die Geigen verklangen, doch für einen kurzen Moment hing noch der Nachhall der Saiten im Saal. Marie verharrte, die Musik füllte ihren Kopf, der Klang ihrer eigenen Geige schwebte in ihren Gedanken. Er war immer noch da. Aber mit jedem Herzschlag verwandelte sich seine Präsenz mehr und mehr in Nebel, der sich rasend schnell verflüchtigte. Er verschwand, mit einem letzten Lächeln, aber er verschwand.
„Marie?“
Sie blinzelte und ließ endlich den Bogen sinken. Jetzt war er wirklich fort und nur eine flüchtige Erinnerung blieb zurück. Und das Gefühl von Leere.
Jen blickte sie mit diesem leicht irritierten Blick an. „Alles in Ordnung mit dir?“
„Klar. Immer.“
Marie setzte ihre Geige und seufzte. Die Probe war vorbei, um sie herum erwachte hektische Geschäftigkeit. Geigen wurden eingepackt und Noten eingesammelt. Und sie saß da, mit einem halb verunglückten Lächeln und versuchte ihrer Freundin etwas vorzumachen.
„Kommst du heute noch mit ins Palace?“
Marie zögerte. Sie zögerte immer, wenn Jen nach jeder Probe dieselbe Frage stellte. Und sie jedes Mal dieselbe Antwort gab: „Ich kann heute nicht.“
„Schon wieder“, seufzte Jen. „Du hast wohl nie Zeit?“
Marie versuchte sich an einem Lächeln. „Ich kann nicht. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
„Schon gut. Vergiss es einfach.“
Jen sammelte rasch ihre Noten zusammen, stand auf und ging zu ihrem Geigenkoffer hinüber. Einen kurzen Moment lang blickte Marie ihr nach, dann packte sie ebenfalls ihre Sachen zusammen.
Jen winkte ihr zu, als sie den Probesaal verließ. „Bis nächste Woche.“
„Bis dann.“
Ihr Worte hingen im leeren Saal. Mit einem dumpfen Laut fiel die Tür zu. Jen war verschwunden, folgte ihren Freunden ins Palace, auf ein paar Cocktails und jede Menge Spaß. Wie jedes Mal nach der Probe.
Marie schüttelte den Kopf und murmelte einen Fluch. Nein, sie würde Jen ganz sicher nicht nachlaufen. Nicht heute. Mit ein paar raschen Handgriffen verstaute sie ihre Geige im Koffer. Als sie nach dem Deckel griff, erstarrte sie. Ihre Hand sank hinab, berührte ganz sanft die Saiten. Ein Vibrieren floss durch ihre Finger, ein warmer Impuls, der ihr Lächeln wieder zurückbrachte. Er war immer noch da. Irgendwo in ihrem Kopf, nur ein paar Töne entfernt.
Rasch klappte sie ihren Koffer zu und zog den Reißverschluss rund herum. Sie war wie immer eine der Letzten, die den Probesaal verließen, aber es störte sie nicht. Ihre Fingerspitzen pochten, die Erinnerung war noch so nahe, dass sie ihre Schritte beschleunigte und beinahe durch die Drehtür des Theaters nach draußen rannte. Kalte Nachtluft und der fahle Schein von Straßenlaternen schlugen ihr entgegen und kühlten für einen kurzen Moment die Hitze, die sie erfasst hatte.
Mit raschen Schritten bog sie in eine Gasse ein und unterdrückte den Drang, einfach loszulaufen. Sie zwang sich zur Ruhe, zwang sich dazu tief ein und wieder aus zu atmen. Die nächtliche Kälte umarmte sie. Es schmeckte bereits nach Schnee, nach Winter, nach eisiger Kälte und doch fraß sich eine gierige Hitze durch ihre Adern.
Außer Atem erreichte sie den niedrigen Wohnblock. Sie hastete die Stufen hoch in den zweiten Stock, blieb schnaufend vor ihrer Wohnungstür stehen und brauchte drei Versuche um mit dem Schlüssel in das Schloss zu treffen. Ihre Hände zitterten vor Anstrengung, vor Erwartung, vor unbändigem Verlangen.
Der Schlüsselanhänger schepperte, das Schloss knackte. Sie riss die Tür auf und schloss sie hinter sich. Trockene, warme Luft füllte ihre Lunge und sie hatte das Gefühl zu ersticken. Rasch ging sie durch den Vorraum, schlüpfte aus ihrer Jacke und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Fenster. Luft. Sie brauchte wieder die kalte Nacht in ihrer Lunge, um atmen zu können, um die Hitze zu kühlen, die sie von innen heraus verbrannte.
Sie riss eines der Fenster auf und ließ sich gegen das Sims sinken. Ein kalter Luftzug strich an ihr vorbei, ließ sie erschauern und sie umklammerte den Geigenkoffer in ihren Händen noch fester. Die sengende Hitze wich von ihr und zurück blieb das dumpfe Pulsieren ihres Herzschlags und das Verlangen wieder seine Nähe zu spüren.
Sie sank auf die Knie und zog den Reißverschluss ihres Geigenkoffers auf. Behutsam strich sie über die Saiten und lächelte. Wenn sie die Augen schloss, dann sang ihre Violine für sie. Nur für sie. Die dunklen Klänge, die ihr in eisigen Kaskaden über die Haut strichen. Schmerzhaft und angenehm zugleich. Eine einzige Berührung, die sie fort riss aus einer dumpfen, stummen Welt.
Marie löste ihre Hand von den Saiten und schlagartig erstarb das dumpfe Vibrieren, aber das Verlange blieb, nistete sich noch tiefer in ihr ein. Sie liebte ihre Musik. Sie liebte ihr Instrument und die eisigen Schauer, die ihr bei jeder Berührung durch den Körper flossen. Sie wollte nicht aufhören, immer weiter machen, immer weiter spielen. Tag und Nacht. Ohne darüber nachzudenken.
Sie nahm ihren Bogen heraus. Sie brauchte keine Schulterstütze, sie wollte das Holz ihrer Violine direkt auf ihrer Haut spüren. Nahe sein. Sie wollte ihm nahe sein. Ihn anlocken. Schritt für Schritt, bis er dicht hinter ihr stand. Bis sie seinen Atem im Nacken spürte und die Wärme seiner Hände dicht über ihrer Haut.
Ein letztes Mal holte sie tief Atem und stieß die Luft in einer kalten Wolke wieder aus. Der Bogen schwebte über den Saiten, sie erstarrte und wartete auf den richtigen Moment. Sie lauschte in sich hinein und hoffte, dass er sie hören würde. Dass er ihrer Melodie folgte.
Der erste leise Ton durchdrang die Stille. Ihr Puls raste, ihre Hand zitterte, doch der Ton verklang hauchzart und lockend in der Finsternis. Kein Zittern, kein Kratzen, nur ein feiner, klarer Ton, dem sie einen weiteren nachsandte.
Sie spürte seinen Blick. Sein Lächeln. Seine Nähe. Sie spann die Melodie weiter und die Töne schwebten durch das Zimmer und zum Fenster hinaus. Langsam drehte sie sich um, spielte weiter, legte in jeden Ton ihre ganze Sehnsucht.
Mit geschlossenen Augen saß er auf dem Sofa und hörte ihr zu. Ein kaum erkennbares Lächeln auf den Lippen. So nahe und doch so fern, dass es Marie beinahe zerriss. Zitternd entlockte sie ihrer Violine einen Ton nach dem anderen und ging auf ihn zu. Sein Lächeln wurde breiter, seine Präsenz intensiver je näher sie kam.
Reglos wartete er auf sie. Wartete, bis sie vor ihm stehen blieb und zitternd die letzten Töne spielte, obwohl sie nicht aufhören wollte. Dann ... dann öffnete er seine Augen. Pechschwarze Augen, in denen sie immer wieder versank, obwohl sich tief in ihr Angst regte. Sein Blick löschte jeden Gedanken aus, jeden noch so winzigen Funken Verstand, der in ihr glomm.
Marie ließ die Violine sinken und hielt den Atem an. Er war wieder hier. Hier vor ihr. Lächelte und ließ sie in seiner Nähe ertrinken. Mit jedem Herzschlag nahm das Rauschen um sie herum zu. Alles drehte sich, sie verlor die Orientierung, fiel und wurde aufgefangen. Er hielt sie fest. Sie spürte seine Wärme. Sein Gesicht war so nahe an ihrem, dass sein Atem über ihre Haut strich und sie mit jedem weiteren Atemzug mehr von dem Wahnsinn in ihre weckte. Das Verlangen wurde unerträglich. Nach noch mehr Nähe, noch mehr Wärme. Danach sein Gesicht zu berühren, seinen Atem zu schmecken, jeden Zentimeter seiner Haut zu erkunden, zu küssen, zu genießen.
Sanft berührte sie mit den Fingerspitzen seine Lippen, spürte das feine Kribbeln als er einen Kuss auf ihre Haut hauchte. Er schloss wieder die Augen, lockerte die Umarmung, ohne sie ganz loszulassen. Maries Sinne kehrten zurück, langsam und mit der quälenden Gewissheit, was es bedeutete.
Sie setzte sich auf. Nahm sein Gesicht in ihre Hände, hielt ihn fest, während seine Züge immer mehr an Substanz verloren. Träge blinzelte er sie an, immer noch dieses vage Lächeln auf den Lippen. Seine Augen waren tiefschwarz, doch das Leben erlosch wieder in ihnen. Sie stahl ihm einen letzten Kuss, hielt ihn fest solange sie ihn noch festhalten konnte. Die Kälte kroch ihr unter die Haut. Ihre Gedanken kehrten zurück. Minutenlang hockte sie auf dem Sofa, klammerte sich an den letzten Nachhall seiner Nähe.
Zitternd griff sie erneut nach ihrer Violine, legte sie an ihre kalte Schulter. Der Bogen bebte in ihrer Hand, doch sie presste die Lippen zusammen und zwang sich zur Ruhe. Sie schloss die Augen, senkte den Bogen erneut auf die Saiten und spielte.

2 Kommentare:

  1. Deine Geschichte besitzt eine sehr fesselnde Dynamik, die dazu führt, dass man sie eigentlich so in einem Schwung herunterlesen muss. Emotional reißt sie den Leser (zumindest mich) richtig mit, gleichzeitig hat man am Ende den Eindruck, dass es an der richtigen Stelle aufgehört hat. Persönlich ist mir das 'Verlangen' etwas zu zentral, aber das ist reine Geschmackssache, denke ich.
    Noch ein kleiner Kritikpunkt: Am Anfang ist mir aufgefallen, dass die Sätze oft sehr ähnliche Länge haben (besonders die beiden Absätze nach dem "Marie?"), was das Lesen etwas stockend macht, weil die Struktur dadurch sehr simpel ist. Aber im späteren Verlauf hat sich dieses Stocken gelegt, und, wie ich am Anfang schon schrieb, ich konnte mich der Dynamik der Geschichte und dem schönen Wortfluss nicht mehr entziehen.

    Es hat sehr viel Spaß gemacht, deine Kurzgeschichte zu lesen. Jetzt bin ich wirklich gespannt, ob es irgendwann auch ein ganzes Buch von dir zu lesen gibt. : )

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  2. Freut mich, dass dir die Kurzgeschichte gefällt und vielen Dank für deine liebe Kritik! Die stockenden Stellen werde ich mir noch einmal ansehen und den inflationären Gebrauch von dem Verlangen ebenfalls. =)

    Oh, und was das Buch betrifft, da bin ich genauso gespannt, ob das irgendwann klappt. =D

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